martini

Pressespiegel der Schule der Trunkenheit:
Blau und schlau
von Frank Jansen, Tagesspiel

In der "Schule der Trunkenheit" in der Victoria Bar wird der Gast mit Getränken und Geschichten abgefüllt

Gin war einst ein grausiges Gesöff.lm England des 18. Jahrhunderts durfte jeder Bürger den Wacholderschnaps brennen, mit katastrophalen Folgen. "Da reißen sich die Huren ihre Kinder von der Brust. um sich dem Teufel Gin hinzugeben, der Pöbel scheißt und uriniert auf offener Straße und auf dem Dachboden eines der Fachwerkhäuser hängt einer unglücklich am Strick", doziert Stefan Weber und hält die Kopie eines wüsten GemäIdes in die Höhe. Die Gäste der Victoria Bar gruseln sich wohlig. Werden auch sie am Ende des Abends jede Contenance fahren lassen, auf die Potsdamer Straße stürzen und tollwütig den Landfrieden brechen? Nicht doch. Die Crew der Cocktailbar in Tiergarten lehrt ihr Publikum das disziplinierte Dahingleiten, nicht den Absturz.

Seit zwei Wochen lädt der hagere Barchef Stefan Weber zur "Schule der Trunkenheit". Jeden Sonntagabend wird der Umgang mit einer Basisspirituose unterrichtet, im November geht es um Gin. Am Tresen sitzen 20 lernwillige und zumindest finanziell flüssige Gäste. Dafür erteilen Weber und sein Team - die herbherzliche Beate Hindermann und der haarlose Portugiese Goncalo de Sousa Monteiro - fünf Lektionen, so feucht wie fundiert und von Weber mit dem Schlag eines Martinilöffels auf eine Flasche des Edelgins Bombay Sapphire eingeläutet. Aufgepasst: Der "Negroni". Dieser Cocktail ist ein Kind der Prohibition: In amerikanischen Apotheken habe man in den zwanziger Jahren "noch relativ lange unter gewissen Umständen" Bitter und Vermouth kaufen können. sagt Beate Hindermann. US- Touristen hätten den Drink auch in Italien geordert, wo er "Americano" genannt wurde - bis der florentinische Graf Camille Negroni "auf die einfache, aber geniale Idee kam, diese Mischung um einen gehörigen Schuss Gin zu erweitern". Die Eleven blicken beeindruckt in die Gläser mit dem rötlichen Mix aus Campari, Martini Rosso, Gilbey's Gin und gelockten Zitronen- und Orangenschalen. Dann werden die Gläser synchron angehoben.

Am Tresen sitzen auch ein Arzt für Allgemeinmedizin und eine Verhaltensbiologin, die in Afrika einst Paviane observiert hat. Das Paar erweist sich als ideale Trunkenheitsschüler. Nach jedem Cocktail wird auf einem Din-A-4-Blatt eine Schriftprobe angefertigt. Als der Negroni geleert ist, sind ebenmäßige Zeichen zu erkennen. Noch. Der "Pimm's Cup", den Beate Hindermann als "Kräuteremulsion auf Ginbasis" definiert und samt Früchtespieß mit Gurken serviert, animiert den Arzt zu einem zackigen Schreibstil. Die Affenexpertin strichelt hingegen unverändert kontrolliert.

Dann präsentiert GoncaIo de Sousa Monteiro den "König der Cocktails": den von James Bond fälschlich verschüttelt gekippten "Dry Martini". Der Keeper verrührt Tanqueray Gin und Vermouth der Marke Noilly Prat - "der einzige, der dem Gin standhäIt" - im Verhältnis von 8:1. Und de Sousa Monteiro proklamiert, der "Gin-Rausch" sei wie kein anderer, nämlich "gesellschaftlich-visionär". Der Arzt trinkt und nähert sich dann der Keilschrift, die Soziologin zeichnet fast schon beunruhigend korrekt. Es folgt der "Gin Julep" (mit braunen Zucker und Minze), der Mediziner wirft jetzt raumgreifende Buchstaben aufs Blatt. Die Schriftzüge der Biologin kippen erstmals ein wenig nach rechts ab. Dann das Finale, Stefan Weber präsentiert eine Eigencreation: "Lord Jim" (Gin, Triple Sec, Grenadine, Grapefruitsaft), benannt nach der Loge um den Maler Martin Kippenberger, deren Motto Weber süffisant zitiert: "Keiner hilft keinem". Plötzllch greift der Arzt nach dem Notizblock seines Nachbam und ritzt "Es war ein Klasse Heimspiel" hinein. Und die Biologin setzt ohne jede Hemmung die Marxistenparole "Hasta la victoria siempre" darunter. Es ist vollbracht. Die Schüler haben das Lernziel Trunkenheit erreicht. Beate Hindermann schreitet an jedem Absolventen vorbei und überreicht einen Leistungs-Nachweis.

Aber das Schuljahr ist noch lange nicht rum: Im Dezember folgen die Lektionen zum Wodka. Dann ist Whisk(e)y an der Reihe, im Februar Rum, im März Champagner ... "Welcome", lächelt de Sousa Monteiro, "zum Club of Rausch".



Zitty 23/2003

Sitzen bleiben!
Die Schule der Trunkenheit erteilt Cocktail-Nachhilfe
von Mirko Heinemanmn

Es begab sich im 17. Jahrhundert in den Niederlanden, dass sich der ehrwürdige Professor de la Boe sicher war, endlich ein Mittel gegen die heimtückische Seekrankheit gefunden zu haben. Das Gebräu, dessen Wirkstoff der Alkohol war, konnte den stärksten Matrosen umhauen. Die Symptome der Seekrankheit - Unwohlsein wie auch das ständige Würgen im Hals - waren vergessen, kaum dass der Krug geleert war. Nur ein Problem gab es: Das Mittel schmeckte grauslich. Im Laufe der weiteren Forschungen des Professors erwies sich der Wacholder als guter Aromastoff, so dass auf diese Weise der Genever geboren wurde.

Nur wenige Jahre später führte jener Genever ganz England in die Trunksucht - unter seinem britischen Namen Gin. Wer Näheres zur Geschichte des Wacholderschnapses erfahren möchte, kommt um die Seminare in der "Schule der Trunkenheit" nicht herum, die ab November jeden Sonntag in der Victoria Bar stattfinden. Fünf Cocktails, innerhalb von drei Unterrichtsstunden serviert, bilden das Anschauungsmaterial und werden - gewollter Nebeneffekt - die Stimmung unter den Schülern nach und nach auflockern. Den Unterrichtsstoff bilden die historische Herkunft der Drinks und ausgesuchte Trinker-Legenden. Monatlich abwechselnd werden Vodka, Whisk(e)y, Rum oder Champagner Grundlage der Cocktails und der Geschichten sein.

Der Herbstmonat November wird ganz im Zeichen des Gins stehen, jener "weißen Spirituose, die einen gesellschaftstauglichen, visionären Rausch erzeugt", wie Goncalo de Souza Monteiro schwärmt. Der Barkeeper ist einer der drei Auserwählten, die jeden Sonntagabend ins Showbiz wechseln dürfen, um als Erzähler hinterm Tresen zu fungieren. Es wird frei gesprochen; allenfalls ein Spickzettel ist erlaubt. Dem geneigten Publikum werden die zu den Geschichten gehörenden Drinks serviert, der Negroni, ein schwerer Drink mit Orangenduft als Aperitif, es folgen der minzfrische Pimm's Cup und der Klassiker Dry Martini. Dann ein Tulep und zum Abschluss ein Lord Jim.

Positive Reaktionen und lustiger Rausch
Den Einführungsvortrag zum Thema wIrd der Chef höchstpersönlich halten. Stefan Weber hat eine bemerkenswerte Karriere absolviert. Erst Lehrling in einem Nobelhotel in Königswinter, dann Mixer hinter den besten Tresen Berlins: Bar am Lützowplatz, Würgeengel, Hudson-Bar. Er wurde Anteilseigner im Green Door und vom Gault Millau zum Barkeeper des Jahres gewählt. Seit zwei Jahren ist er in der Potsdamer Straße sein eigener Chef. Man kann sich gut vorstellen, wie die Victoria Bar mit den holzgetäfelten Wänden die vornehme Atmosphäre eines britischen Clubs annimmt. Der Vorsteher läutet mit dem GIöckchen, bittet um Ruhe und stellt die Anwesenheit fest.

"Ironische Steifheit", nennt das Kerstin Ehmer, von der die Idee zur "Schule der Trunkenheit" ursprünglich stammt. "Trunkenheit ist als Begriff leider vielerorts negativ besetzt", findet die Fotografin und Ehefrau des Besitzers, "dabei ist es so ein schönes Wort." Keine Frage, hat der Alkohol doch auch seine negativen Seiten, die in den Seminaren durchaus zur Sprache kommen. Zu denen soll der eigentliche Rausch nicht zählen. "Da kann man uns Fachleuten vertrauen", sagt Goncalo. Dass trotz der fünf verschiedenen Getränke kein dicker Schädel den nächsten Tag versaut, wurde bereits bei der Generalprobe an zehn Freiwilligen ausprobiert. "Die Reaktionen waren durchweg positiv", sagt Barkeeper Goncalo. Der Rausch sei als "lustig" beschrieben worden, die Anwesenden hatten "erstaunliche Aufnahmefähigkeit" in Sachen Unterrichtsstoff gezeigt. Nun muss sich noch in der Praxis beweisen, ob diese kleine Pisa-Studie auf die Allgemeinheit übertragen werden kann.


Berliner Zeitung 275, 2003

Ernsthaftes Trinken
Die "Schule der Trunkenheit" in der Victoriabar vermittelt rauschhaftes Hintergrundwissen
VON MARIN MAJICA

Gesellschaftlich visionär. So soll er sein, der Rausch, der sich beim Genuss von Gin einstellt. Das sagt zumindest der glatzköpfige Barkeeper Gonzalo de Sousa Monteiro, der hinter derTheke der Victoriabar steht und über den Schnaps doziert. Die rund 20 Zuhörer vor dem Tresen grinsen. Vor lauter Einsicht. Oder weil im Blut bereits zwei servierte Cocktails surren. Denn die "Schule der Trunkenheit", zu der Kenner und Novizen des distinguierten Rausches in der Potsdamer Straße 102 zusammengekommen sind, ist durchaus praxisorientiert. DieTrink-Lehrgänge, die Barchef Stefan Weber und seine Mitarbeiter jeden Sonntag abhalten, sind monatswelse einem Cocktail-Basisgetränk gewidmet: Im Dezember Wodka, dann folgen Whisky und Whiskey, Rum und Champagner.

Doch zum Schulbeginn im November geht es um Gin. Die Zuhörer, die für den Unterricht 40 Euro bezahlt haben, erfahren, dass der holländische Alchimist Franciscus de la Boe Mitte des 17. Jahrhunderts als Erster einen Wacholderschnaps destillierte, den er als Elixier gegen die Seekrankheit konzipierte. Der "Genever" wurde in England zum Gin, den im 18. Jahrhundert jeder brennen durfte. Meist kam dabei aber ein schlimmes Gebräu heraus. 1820 wurde ein neues Destillationsverfahren erfunden, das den Gin zum heute bekannten Getränk machte. Und zu dem Stoff, der genauso eine gute Figur macht im Lieblingsgetränk der italienischen Futuristen, dem Negroni (Campari, Martini Rosso, Gin), wie im Pimms Cup mit Gurkengeschmack, Standard bei englischen Gartenpartys.

"So, meine Schüler", ruft Sousa Monteiro die Trlnker zur Ordnung, die ausgelassen ihre Cocktails leeren. Es steht der nächste Cocktail an: der Martini. Nicht der Wermut, den die gleichnamige Firma in grüånen Flaschen verkauft, sondern das Gemisch Gin-Wermut 8:1. "Gin muss kalt sein", sagt Sousa Monteiro in einem Tonfall, dass man den Satz in Stein meißeln und nach Hause tragen möchte. Roosevelt und Churchill ersonnen bei einem Martini die Landung in der Normandie, Bunuel und Cary Grant tranken ihn, erzählt der Barkeeper, James Bond trinkt ihn, geschüttelt, nicht gerührt. Das ist falsch: Beim Schütteln wird das Eis zerschlagen und verwässert den Drink, das Getränk wird trüb, erklärt Sousa Monteiro, und serviert ihn dann, den Drink schlechthin. Der scharfe Geruch zieht hinter die Stirn und weitet das Hirn. Nach dem dritten Schluck leuchtet der Raum, der Slogan der Victoriabar entfaltet seine Bedeutung: Pleasure of serious drinking, ernsthaftes Trinken. Bewusst doppeldeutig. Es folgen noch ein Gin Julep und ein Lord Jim an diesem Abend, aber vor allem der Martini hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Gesellschaftlich visionär? Zumindest macht er gespannt auf die Entdeckungen, die der Wodka bereithält.