THEKENTANZ - Tagesspiegel
FRANK JANSEN - 20.11.2001
Ausgerechnet die Potsdamer Strasse. Eine Piste mlt weniger Sexappeal ist kaum vorstellbar. Breit, laut, schmuddelig. Offenbar genau das Ambiente, das Stefan Weber gesucht hat. Nach dem zorigen Abschied vom Green Door wollte der Mann, einst vom Gault Millau zum besten Keeper der Republik ernannt, ein Lokal ohne jedes Reinreden gestalten. Kauzig. kuehl und stilbewusst. So entstand eine Bar, die das Green-Door-Erbe achtet und den Namen von Webers Toechterchen traegt. Nicht in Mitte oder Prenzlauer Berg, nicht in Schoeneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg. Und mit einer derart unauffaelligen Fassade (weisse Schrift auf weissem Putz, schwarze Fenster, schwarze Tuer), dass selbst Eingeweihte danebentappen. Will Weber ganz alleine bleiben?
Das Interieur gibt die Antwort. Ein hoher, schlauchartiger Raum in fahlem Licht. Kantige, aber bequeme Polstergarnituren. Dezentes Nussbaum-Fumier vom Boden bis zur Decke. Tapete mit pittoresken Pippi-Pueppchen. Langer, schnurgerader Tresen samt darueber baumelnder Lichtleiste. Eine weiss-graue Urschleimwand hinter dem Tresen, unterbrochen durch Furniere. Die nebulose Wandmalerei soIl ein extrem gestretchtes Augenpaar sein. Zumindest erinnert es an die breite, gruen-braune Urschleimwand im Green Door. Der Farbenwechsel zu weissgrau ist wohl ein Tribut an die in der upper class angesagte November-Mode, wie sich bei den Business-Anzuegen beobachten laesst.
Weber gibt sich elitaer, hat aber die Temperaturen gesenkt. Auf das bunte Green Door folgt Metropolen-Melancholie in Weiss-Grau-Nussbaum. Da erscheinen die dunkelrote Tischlampe aUf dem Tresen und die hellrote Karte mit dem fast nur tastbaren Cover-Tapir als Stilbruch-Tupfer. Aber auch ein dunkles Layout hatte dje Erwartungen nicht daempfen koennen, die Cocktails waeren olympisch-gut wie einst im Green Door. Oder?
Die Antwort fallt unerwartet schwer. Der Mojito war bei den Besuchen des drinking man superb, der Singapore Sling eher streng als erfrischend. Die Qualitaet der genossenen Hurricanes (Havana Club, Myer's Rum, frischer Zitronensaft, frischer Orangensaft, Maracuja-Sirup) schwankte zwischen gut und geht noch. Irritierend war der frozen Daiquiri, den Weber selbst gemixt hatte "manieristisch", wie er dann sagte. Statt des klassischen Drinks mit glatter, prickelnder Eisbreiflaeche kam ein Nass-Schnee-Gebirge. A classic cocktail should never be changed.
Was die Crew kann, bewiesen Gin Tai (Gilbey's Gin oder Gin nach Wahl, Cherry Heering, D.O.M. Benedictine, Angostura,frischer Zitronensaft, Ananassaft) und Vodka Tai. Fantastisch komponiert, machen suechtig. Dann aber maekelte die companera an ihrem Planter's herum - zu suess und duenn.
Weber hat Mut. Er vertraut auf den Instinkt der Insider, die auch an ungewohnlichen Orten "ihre" Bar aufspueren. Das koennte gelingen. Von Woche zu Woche findet sich mehr Publikum ein. Wenn Weber und Crew noch bei den Drinks zur qualité extraordinaire zurueckfinden, bricht wieder ein victorianisches Zeitalter an.
FRANK JANSEN