In der victoria bar an der Potsdamer Strasse
Berliner Zeitung v. 20.10.2001
Carmen Böker

Jüngst lag ein brüllend orangefarbenes Papprechteck im Postfach, silberne Linien und Flächen schienen wie in einer besonders regen Neubelebung des Action Painting darauf verteilt worden zu sein. Auf den zweiten Blick allerdings schälten sich aus dem augenscheinlich Abstrakten die Konturen von Rita Hayworth heraus, die an einem Steuerrad lehnt - und der Rest der Karte war dann auch sehr freundlich. "Wir sind zurück!" hiess es darauf: "Stefan, Beate und Hermann freuen sich auf euren Besuch in der victoria bar. " Sie sind alle neulich vom "Green Door" geschieden, das damit einiges an eindrucksvollem Barpersonal eingebüsst hat: Stefan Weber etwa führt der "Gault Millau 2001" als "Barkeeper des Jahres"; nicht zuletzt wegen unermüdlicher Verdienste um den "Mai Tai", dem in Webers Komposition stets sehr grosszügig Mandelsirup beigegeben ist. Im "Gin Tai" (18,58 Mark in der "victoria bar") allerdings ist die Süsse, des herberen Grundstoffes wegen, sehr süffig ausbalanciert.

Seit knapp zwei Wochen wirken die drei jetzt mit dem alten Anspruch am neuen Ort - natürlich wird auch hier ein störend herumliegender Mantel mit feinem Nachdruck an die Garderobe transportiert, natürlich gibt es Mineralwasser in kleinen Gläsern als Beigabe, um die Geschmacksnerven immer wieder neu stimmen zu können. Der Kellner bringt es, bevor die nächste Runde auf den Tisch kommt - und der Gast trinkt erziehungswillig aus. "The Power of Positive Drinking" ist das Motto des "Green Door", was irgendwie ein bisschen nach Bachblütentherapie und tropfenweiser Dosierung klingt. "The Pleasure of Serious Drinking" heisst die Variante für die "victoria bar", die die Freude am alkoholischen Mixgetränk ebenfalls am Distinktionsvermögen des Konsumenten misst, aber doch insgesamt genussvoller und verspielter klingt und im Ergebnis durchweg erfreut.

Als Emblem der "victoria bar" sitzt ein Tapir auf seinem Hintern. Nun ist das ein Tier, das bisher nicht durch seine Affinität zum Alkohol aufgefallen ist; Pferde sollen ja Bier mögen, und Urwaldpapageien pflegen sich durch den Genuss gärender Blütenblätter in einen Rausch zu versetzen. Aber so wie der Tapir bisher nicht als Cocktailliebhaber berühmt geworden ist, so gilt auch die Umgebung der "victoria bar" nicht eben als der Schick-Weggeh-Distrikt Berlins, wo man einen "C & C" für 17,60 Mark orderte und sich dann an einer Komposition aus Champagner und Campari ergötzte, dem ein bisschen Zitronenschale und Orangensaft noch mehr mediterrane Heiterkeit verleiht. Die Potsdamer Strasse ist eine handfeste Flaschenbiergegend - und in ihrer Anmutung trübe, allen pulsierenden Leuchtreklamen zum Trotz. Man passiert auf dem Weg zur Nummer 102 (eine ehemalige "Videoworld"-Filiale) unzählige Neonschriftzüge, ohne sie überhaupt noch zu sehen. Erst die Abwesenheit alles Schreienden, Werbenden, Billigen sticht plötzlich ins Auge wie ein Manifest des Understatements: der Name "victoria bar" zart beleuchtet, der Eingang schwarz, die schwarzen Fenstervorhänge fest geschlossen. Showtrinken unmöglich.

Wer die schräge Lounge-Optik des "Green Door" liebt, der wird sich hier nicht winden müssen, wenngleich die bereits dort tätigen Designer Thomas Hauser und Motorberlin diesmal auf alle Muster- und Formenspielereien verzichtet haben. Die lang gezogene "victoria bar" ist dunkel und beruhigend, die Barhocker sind Lehnstühle mit langen Beinen, die jedes nervöse Herumrutschen unnötig machen. Oder man nimmt auf butterweichen, seladongrünen Lederbänken Platz und hört Jay-Jay Johanson singen, als könnte das gar nicht anders sein. Denn so wie seine Machart des Easy Listening klingt, retro und neu zugleich - so ist ja auch die "victoria bar": Sie verbrämt dunkle Holztäfelungen, die dem Palast der Republik entstammen könnten, mit 50er-Jahre-Küchenlampen, Edelstahl-Toilettenbecken und Drucktapeten, auf denen kleine Mädchen im Wunderland besonders fies kichern. Vorher unvorstellbar, dass so was zusammenpasst - wie beim Cocktail eben.



Potsdamer Strasse 102
10785 Berlin